Eutopologie

 

These

Die Vorstellungen vom Lebenswerten an der Stadt der Zukunft (Eu-Topos - der schöne/gute Ort) motivieren und leiten die Arbeit an ihr - von der persönlichen Imagination bis zum politisch ausgehandelten Konsens. Im Rückblick auf den teils dramatischen Wechsel soziopolitischer und städtebaulicher Leitbilder im 20. Jahrhundert wird deutlich, dass eine kritische Selbstanalyse nötig ist, um die Zielsetzungen der "Stadt der Zukunft" nachhaltig, d.h. offen und flexibel zu halten für Impulse aus den wesenhaft dynamischen Gesellschaften.

 

Hintergrund

Wunschvorstellungen (wie Schreckbilder) einer gemeinschaftlichen Lebenswelt sind immer schon mit Stadtentwürfen verknüpft worden, eher symbolisch (Himmlisches Jerusalem versus Hure Babylon) oder räumlich konkret (Phalanstère versus Broadacre City). Die Konjunktur utopischer Stadtentwürfe in der Moderne wird diesseits der Postmoderne allerdings skeptisch beäugt, da sie als geschlossene Systeme den Charakter "faschistischer Unternehmen" (Betsky) tragen. Aber auch ihre irdischen Geschwister, die 'Leitbilder' und 'Masterpläne' sind niemals frei von politisch-ethischen Zielsetzungen.

Stadtplanung als Profession hat mentalitätsgeschichtlich eine Herkunft, die sie mit der Frage nach dem Lebenswerten unauflöslich verknüpft: aus dem Humanismus der Renaissance stammt die Überzeugung, dass Gesellschaftsplanung und ordentliche Stadtplanung dasselbe seien (eine Vorstellung, die in der Profession der Stadtplaner am längsten überlebt hat). Und aus den Widerständen gegen die sozialen Begleiterscheinungen des Modernisierungsprozesses stammt die Überzeugung, dass diese Ordnungen dazu da sein müssten, glückliche (oder doch wenigstens gute) Gemeinschaften hervorzubringen. In pathosskeptischen Zeiten - und in der Umwandlung der Stadtbaukunst in eine moderne wissenschaftliche Disziplin Städtebau - ist von Glück freilich kaum mehr die Rede, sondern allenfalls von einem Akkord aus Funktionalität, Gerechtigkeit, Sicherheit und Wohlbefinden: also eine Ausdifferenzierung des Glücks in scheinbar messbare Bestandteile.

Eutopologie zu betreiben bedeutet, utopische Entwürfe Einzelner, künstlerische Forschung und die gesellschaftspolitisch ausgehandelten Regularien der Stadtplanung gemeinsam in den Blick zu nehmen, ohne die gewaltigen Unterschiede ihrer Daseins- und Wirkungssphären einzuebnen. Gemeinsam ist allen das Ziel möglichst "lebenswerte" Orte zu schaffen, Orte, an den zu Leben schön sein muss. Wieso aber kritisieren Gesellschaften nicht selten diejenigen Orte scharf, die besonders eifrig mit diesen Zielvorstellungen realisiert worden sind? Und wie kommt es, dass mitunter Orte von einer Generation als dystopisch wahrgenommen werden, von der anderen aber als Schlupfloch des Eutopos? Lassen sich Strukturen finden, die verständlich machen, wieso und wann manche eutopische Imaginationen ihren Weg ins Kollektivbewusstsein finden und andere nicht?

 

Ziele und Fragen

Analyse historischer Utopien, Stadtfiktionen, Leitbilder, Architekturprogramme etc. als zeit- und kulturspezifische Verdichtungen dessen, was für 'lebenswert' gehalten wird. Ist es möglich, hieraus eine Art 'Grammatik des Lebenswerten' zu entwickeln, die Funktionsweisen und Abhängigkeiten in der Wunschproduktion offen legt? Wie werden eutopistische Vorstellungen umgesetzt in Leitbilder und Planungsinstrumente? Wie lässt sich der Schritt von einer Grammatik des Lebenswerten zum geschlossenen System vermeiden? (good governance vs.Ideologie)

 

Referenzprojekte

IBA StadtUmbau 2010 in Sachsen Anhalt. Interventionen im Stadtraum, Workshops zur Stadtentwicklung, Dr. Martin Peschken mit dem IBA-Team für Halberstadt 2005-2010. Ausstellung: "Entdecke die Leere!" in Halberstadt 2010. 

Neue Khmer Kultur. Courte durée d'une grande idée. Studie zur Konstruktion nationaler Identität im Kambodscha der 1950er und 60er Jahre und ihrer Destruktion unter den Roten Khmer, Dr. Martin Peschken, gtas.

Transforming Cities. Urban Narratives in the 19th and 21st century. Symposium in 2015. Englisches Seminar/Fakultät 6.

Nine Urban Biotopes. Negotiating the Future of Urban Living. Künstlerische Forschung zu Sozialer Städtischer Nachhaltigkeit in der Europäischen Union und Südafrika. The Culture Programm of the European Union. Dipl. Ing. Christian v. Wissel als Projektevaluierer für Goldsmiths, University of London. 

Findbuch Braunschweiger Schule / Architekturdiplome an der TU Braunschweig 1945-2015. Ausstellungsprojekt des gtas und saib im Juni 2015.

Wollen Sollen Können. Architektur lernen. Lehrveranstaltung des gtas im WS 2014/15.

Kontur Kontakt Kontext. Darstellung, Weltbild und Spiegel der Zeit in 70 Jahren Architekturdiplom. Lehr- und Forschungsveranstaltung des gtas im WS 2014/15.

  

aktuelle Forschungsprojekte

siehe: Doktorandenkolloquium

 

   

Ansprechpartner

Dr. Martin Peschken (gtas),

Prof. Dr. Eckart Voigts (Englisches Seminar).