Institut für örtliche Angelegenheiten Beziehungsweisen Westhagen
Am Montag, den 13. März 2023, besuchten wir zum ersten Mal den Wolfsburger Stadtteil Westhagen, den wir aus Zeitschriften und Zeitungsartikeln kannten, aber kaum aus persönlichen Erfahrungen. Einer Einladung folgend, die uns auf Umwegen erreicht hatte, trafen wir Esther Orant vom Forum Architektur der Stadt Wolfsburg und Christina Anger, die Stadtteil- und Kulturhausmanagerin Westhagens, im großen, fensterlosen Saal einer ehemaligen Kirche in der Dessauer Straße, um herauszufinden, ob Westhagen Gegenstand von Seminaren und anderen Lehrveranstaltungen werden könnte. Wir sprachen über uns und unsere bisherigen Projekte an anderen Orten, hörten Esther und Christinas Erzählungen über ihre Arbeit zu, und spazierten, begleitet von Christian Teigeler, einem Planer, der über 20 Jahre lang für das Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ verantwortlich war, durch das Quartier.
Dieser ersten Begegnung folgten viele weitere – wir, 6 Lehrende und insgesamt etwa 70 Studierende, verbrachten insgesamt etwas mehr als ein Jahr in Westhagen. Wir trafen Menschen, die uns halfen zu verstehen, wie Westhagen in der Vergangenheit war, wie es in der Gegenwart ist und wie es in Zukunft aussehen könnte. Menschen, die in Westhagen leben und arbeiten, oder mal gelebt und gearbeitet haben, zeigten uns den Stadtteil aus ihrer Perspektive. Wir lernten zunächst als Team und dann gemeinsam mit den Studierenden von ihrem lokalen Wissen, das sie durch Alltagserfahrungen und ihre informelle, formale oder berufliche Bildung erworben hatten. Wir lernten nicht nur, das zu begreifen, was ist, sondern auch, was im Entstehen begriffen ist – also das, was möglicherweise werden könnte: Zukünfte, die sich aus heutigen Möglichkeitsräumen ergeben könnten.
Auf den kommenden Seiten findet sich eine Sammlung dieser Erfahrungen und Ansätze, mit denen wir die unterschiedlichen Ebenen und Perspektiven des Viertels erfasst, beschrieben und weitergedacht haben. Manche dieser Methoden waren wichtig in der Vor- oder Nachbereitung der Lehrveranstaltungen, andere spielten eine größere Rolle in der Durchführung. Manche wurden im Vorhinein geplant, andere haben sich während der beiden Semester ergeben, wieder andere haben sich erst bei einer erneuten Betrachtung im Nachhinein herausgestellt. Einige führten zum Sammeln harter Fakten, andere behielten ihren provisorischen, nicht abgeschlossenen Charakter – in dem Sinne, dass sie bei einem erneuten Anlauf sicher anders verlaufen wären. Diese Sammlung wurde im Prozess des Erstellens zu einer Art Kompendium verschiedener (selbst-)kritischer Auseinandersetzungen mit Methodologien und Methoden. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, zeichnet in ihrer Gesamtheit jedoch ein Bild der vielfältigen Interaktionen zwischen Studierenden, Lehrenden, Anwohner*innen, Gebäuden, Gegenständen, Ökosystemen usw., die sich ergeben haben. Der im Titel der Publikation verwendete Ausdruck „Beziehungsweisen“ soll dabei eine bedeutende Verschiebung der Aufmerksamkeit kennzeichnen: in einer suchenden Bewegung weg von den einzelnen Bestandteilen dieser Interaktionen, den unterschiedlichen Aspekten der Auseinandersetzungen und ihren unterschiedlichen Zeitlichkeiten hin zu den Arten und Weisen, wie diese einzelnen Bestandteile in Beziehungen zueinander stehen, was sie miteinander zu tun haben, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und in welchen Abhängigkeiten sie sich befinden. In den einzelnen Beiträgen wird diesen relationalen, oft inhaltlich und methodisch miteinander verschränkten Ansätzen nachgegangen,um ein komplexes Verständnis von Westhagen und möglicherweise vergleichbaren Stadterweiterungsprojekten zu erlangen.