Privilegien, Macht und Positionierung
Warum ist es wichtig, sich der eigenen Positionen bewusst zu sein?
Zum Semesterauftakt und als Einstieg in die A3-Seminare fand eine gemeinsame Übung zur Reflexion der eigenen gesellschaftlichen Positionierung statt. Rund 60 Studierende der Architektur nutzten dabei die von Anna Unterstab adaptierte Version der Matrix of Domination, um sich ihrer eigenen Privilegien und Diskriminierungserfahrungen bewusst zu werden – beides verstanden als gesellschaftlich konstruierte Normen (1).
Die Matrix of Domination, basierend auf der Grundidee von Patricia Hill Collins und der Schwarzen feministischen Bewegung, visualisiert Machtverhältnisse als ein Netz ineinandergreifender Strukturen (2). Sie ist kreisförmig angelegt und zeigt entlang mehrerer Achsen von Privilegierung und Benachteiligung dreistufige Abstufungen auf. Ziel der Übung war es, die eigenen Privilegien zu erkennen, einen kritischen Blick auf Machtstrukturen und gesellschaftliche Systeme zu entwickeln und zugleich Sichtbarkeit für diejenigen zu schaffen, die sich eher an den Randzonen der Matrix bewegen. Dadurch sollte zu einem solidarischen und gerechteren Handeln angeregt werden. Die Matrix fungiert somit als Werkzeug, um grafisch zu verdeutlichen, dass Individuen gleichzeitig privilegiert und marginalisiert sein können.
In der anschließenden Diskussion wurde reflektiert, dass einzelne Kategorien unterschiedliche Gewichtungen und Effekte auf Diskriminierungserfahrungen haben. Dabei wurde thematisiert, wie mit diesen Unterschieden umgegangen werden kann. Zudem wurde deutlich, dass in der vorliegenden Version der Matrix weitere relevante Dimensionen wie elterliche Bildung, psychische Gesundheit, Wohnort oder kultureller Hintergrund fehlen. Ein spannender Diskussionspunkt ergab sich auch aus der Mehrdeutigkeit einzelner Kategorien: So kann etwa „Arbeitslosigkeit“ verschiedene Bedeutungen annehmen – Studierende können arbeitslos sein, weil finanzielle Unterstützung durch andere Personen besteht, was auf ein Privileg verweist; für andere wiederum bedeutet Arbeitslosigkeit eine prekäre Lebenssituation.
Die Arbeit mit der Matrix wies auf viele Grenzen und Leerstellen hin und stieß damit eine rege Diskussion an. Sie zeigte auf, wie komplex Positionalitäten sind und dass gesellschaftliche Kategorien stets multidimensional gelesen werden müssen.
(1) Anna Unterstab, Design intersektional unter die Lupe nehmen: Gestaltung als Komplize von Diskriminierung und als widerständiges Werkzeug, hg. von Jesko Fezer, Oliver Gemballa, und Matthias Görlich, Studienhefte problemorientiertes Design 12 (Hamburg: adocs Verlag, 2023), 67.
(2) Patricia Hill Collins, Black feminist thought: knowledge, consciousness, and the politics of empowerment, Perspectives on gender (Boston: Unwin Hyman, 1990), 274.