Die drei Naturen am Ölper See
Der Ölper See im Norden Braunschweigs ist ein beliebtes Naherholungsgebiet. Seine Entstehung und Gestaltung werfen spannende Fragen zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur auf. Eine neue, zusätzliche Infotafel lädt Besucherinnen dazu ein, den See aus drei unterschiedlichen Naturperspektiven zu betrachten und soll nicht nur informieren, sondern auch hinterfragen. Die Grundlage hierfür bilden Überlegungen aus aktueller Umweltliteratur, unter anderem von der Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing („Der Pilz am Ende der Welt“), ergänzt durch weitere wissenschaftliche Texte. Aus dieser Auseinandersetzung ergeben sich drei Naturbegriffe, die auf der Tafel voneinander unterschieden werden: Die Erste Natur bezeichnet eine vermeintlich ursprüngliche, vom Menschen unberührte Natur. In der Theorie steht sie für ein autonomes Ökosystem. In der Praxis ist ihre Existenz allerdings schwierig zu finden, da nahezu alles direkt oder indirekt menschlich geprägt und beeinflusst ist. Die Zweite Natur meint die Natur, die durch menschliche Eingriffe geformt, genutzt oder gezähmt wurde. Der Ölper See selbst ist ein Produkt dieser zweiten Natur. Er entstand durch Kiesabbau für den Autobahnbau, wurde künstlich aufgestaut und durch Maßnahmen wie einer Fischtreppe ökologisch „kompensiert“. Auch die regelmäßige Abholzung im Uferbereich steht sinnbildlich für diese Form der kontrollierten Natürlichkeit. Die Dritte Natur versteht Natur als ein komplexes Geflecht von Beziehungen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen. Am Ölper See wird diese Form besonders sichtbar, dadurch dass sich Spaziergänger*innen, Angler*innen, Tiere, Pflanzen und andere Teilnehmer*innen sich einen Raum, der ständig neu ausgehandelt wird, teilen. Die Infotafel verbindet diese Perspektiven mit Texten, Illustrationen und Vertiefungen. Sie möchte den Blick schärfen für die Frage, was Natur in einer Stadt wie Braunschweig heute eigentlich bedeutet und wie eng sie mit menschlichem Handeln verwoben ist.
Evelina Berisha, Suyo Schmall, Jonathan Schmitz