Skip to content
Studying

Von Geschichten und Erzählungen, Mythen und Beschreibungen XII

Seminar
Winter '26/27 (Master M1/2, Bachelor A3)
Burcu Daglayan
Seminar Foto XII

Stadt- und Architekturführer erzählen in der Regel Geschichten von Bauwerken, ihrer Bauweise und den Menschen, die Quartiere, Infrastrukturen oder Landschaften gestaltet haben, und ordnen diese dann Stilen und Epochen zu: Eine Brücke der Nachkriegsmoderne, eine gotische Kirche, ein klassizistisches Wohnhaus, ein postmodernes Geschäftshaus. Die Beschreibungen wollen nüchtern und rational sein, die Abbildungen sind technischer Natur, das Wesentliche wird hervorgehoben. Aber: Was ist das Wesentliche? Was macht die Essenz eines Ortes aus? Was sind die Qualitäten, die etwas zu dem machen, was es ist? Welche Dimensionen und Perspektiven—vom Menschlichen zum Nichtmenschlichen, vom Kleinen zum Großen—müssen erfasst werden, um zu einer Beschreibung zu gelangen?

Die Seminare des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt beschäftigen sich dieses Semester mit dem (kritischen) Schreiben von und über die Stadt. Der Fokus liegt diesmal auf Braunschweig. Wir wollen uns auf die Suche nach Orten und Objekten machen, die (Stadt-)Geschichte(n) erzählen. Dabei soll sowohl ein neuer Blick auf Dinge geworfen werden, deren Geschichten bekannt erscheinen—das Rathaus, der Flughafen, der Bahnhof, der Prinzenpark, der Altstadtmarkt—, als auch bislang eher Übersehenes—Bordsteinkanten, kiesige Vorgärten, Zebrastreifen, Wäscheständer, Spielplätze, Allmenden—in den Fokus gerückt werden.

Unser Ziel ist dabei zum einen das Infragestellen von Privilegien des Interpretierenden von Wissen (die Rolle der Verfasserin). Zum anderen wollen wir—in Anlehnung an Donna Haraway, Peter Marcuse und Audre Lorde— erforschen, wie wir durch das, was wir beschreiben (und wie wir es beschreiben), neue Arten des politischen und ethischen Handelns und Denkens fördern können.

Fokus:

Angesichts multipler Krisen, polarisierender Debatten und einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung wird die Frage nach einer sozial gerechten Stadt für Alle immer dringlicher. Doch wie sieht eine gerechte und mitbestimmte Stadt für Alle aus? In diesem Seminar nähern wir uns dieser Frage aus der Perspektive feministischer Theorien sowie Prinzipien einer demokratischen Planungskultur und setzen uns kritisch mit den Anforderungen an den Stadtraum auseinander.

Für wen werden Stadträume entworfen und wie werden sie verhandelt? Welche Möglichkeiten zur Mitwirkung und Mitbestimmung gibt es? Wie verlaufen die dahinterliegenden, unsichtbaren Prozesse und welchen Einfluss haben Machtstrukturen und bestimmte Entscheidungsmechanismen?

Mithilfe von Critical Friends analysieren wir unterschiedliche Formen sozialer Ungleichheit im Raum, setzen uns mit gemeinschaftlichen Lern- und Gestaltungsprozessen auseinander und untersuchen das Potenzial und die Wirkweisen kollaborativer Praktiken entgegen einer zunehmenden Fragmentierung. Welche Konflikte werden dabei sichtbar und wie können Aushandlungsprozesse dazu beitragen, das Gefühl der Zugehörigkeit zu stärken?

Ziel des Seminars ist die Auseinandersetzung mit sichtbaren wie auch unsichtbaren Gestaltungsprozessen und -elementen sowie die Untersuchung von Räumen im Hinblick auf ihre Zugänglichkeit, Möglichkeiten der Partizipation und der ihnen zugrunde liegenden Konflikte. Durch kritisches Hinterfragen und Analysieren werden neue Narrative für kollektive, inklusive und sozial gerechte Zukünfte erarbeitet.

Die Seminarteilnehmenden werden eigene Schwerpunkte und Themen entwickeln, um dann in kleinen Gruppen gewählte Beispiele—die wir als Möglichkeit betrachten, Phänomene an beispielhaften Orten und in beispielhaften Umgebungen sinnvoll zu erfassen—zu recherchieren und diese festzuhalten: zeichnerisch, diagrammatisch, diskursiv und kollaborativ, spaziergehend.

Voraussetzungen

Teilnahmevoraussetzung für dieses Seminar ist das erfolgreiche Abschließen des Moduls Wissenschaftliches Arbeiten für Architekturstudierende 1 (WAfA 1).

In der Vorlesungsreihe 'Geschichten und Theorien von Architektur und Stadt' (A2) werden die Grundlagen für die vertiefende Auseinandersetzung mit Raum in den A3-Seminaren gelegt. Es wird daher empfohlen, die Vorlesung A2 zu besuchen, bevor ein A3-Seminar belegt wird.

Literatur

Haraway, Donna. „Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective“. Feminist Studies 14, Nr. 3 (1988): 575. https://doi.org/10.2307/3178066.

Lorde, Audre. Sister Outsider. New York: Penguin Books, 2019.

Marcuse, Peter. „Whose right(s) to what city?“ In Cities for People, Not for Profit: Critical Urban Theory and the Right to the City, herausgegeben von Neil Brenner, Peter Marcuse, und Margit Mayer, 24–41. London New York: Routledge, 2012.

Termine

    Einführung
    Zwischenpräsentation
    online
    Abschlusspräsentation
    Abgabe