Von Geschichten und Erzählungen, Mythen und Beschreibungen XIII
Stadt- und Architekturführer erzählen in der Regel Geschichten von Bauwerken, ihrer Bauweise und den Menschen, die Quartiere, Infrastrukturen oder Landschaften gestaltet haben, und ordnen diese dann Stilen und Epochen zu: Eine Brücke der Nachkriegsmoderne, eine gotische Kirche, ein klassizistisches Wohnhaus, ein postmodernes Geschäftshaus. Die Beschreibungen wollen nüchtern und rational sein, die Abbildungen sind technischer Natur, das Wesentliche wird hervorgehoben. Aber: Was ist das Wesentliche? Was macht die Essenz eines Ortes aus? Was sind die Qualitäten, die etwas zu dem machen, was es ist? Welche Dimensionen und Perspektiven—vom Menschlichen zum Nichtmenschlichen, vom Kleinen zum Großen—müssen erfasst werden, um zu einer Beschreibung zu gelangen?
Die Seminare des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt beschäftigen sich dieses Semester mit dem (kritischen) Schreiben von und über die Stadt. Der Fokus liegt diesmal auf Braunschweig. Wir wollen uns auf die Suche nach Orten und Objekten machen, die (Stadt-)Geschichte(n) erzählen. Dabei soll sowohl ein neuer Blick auf Dinge geworfen werden, deren Geschichten bekannt erscheinen—das Rathaus, der Flughafen, der Bahnhof, der Prinzenpark, der Altstadtmarkt—, als auch bislang eher Übersehenes—Bordsteinkanten, kiesige Vorgärten, Zebrastreifen, Wäscheständer, Spielplätze, Allmenden—in den Fokus gerückt werden.
Unser Ziel ist dabei zum einen das Infragestellen von Privilegien des Interpretierenden von Wissen (die Rolle der Verfasserin). Zum anderen wollen wir—in Anlehnung an Donna Haraway, Peter Marcuse und Audre Lorde— erforschen, wie wir durch das, was wir beschreiben (und wie wir es beschreiben), neue Arten des politischen und ethischen Handelns und Denkens fördern können.
Fokus:
Im Zeichen von Klimakrise, erstarkenden neurechten Bewegungen, weltweiten kriegerischen Auseinandersetzungen und Entwicklungen innerhalb sogenannter Künstlicher Intelligenz ist „Zukunft“ ein stark umkämpftes Feld. Debatten um Klimaresilienz, soziale Teilhabe, eine inklusive Gesellschaft—um nur einige zu nennen—sind dabei auch zentraler Teil städtischer Entwicklung und Planung. Doch wie werden Zukunftsvorstellungen erzeugt und was bedeuten diese?
Das Seminar setzt sich kritisch und praktisch mit der Wirkungsweise und -macht der visuellen Gestaltung von Projekt- und Architekturrenderings auf Braunschweigs städtische Zukunft auseinander. Welche Zukünfte werden legitimiert, welche ausgeschlossen? Was erzählt uns dies über die Gegenwart? Für wen und welche Systeme funktionieren die Darstellungen? Und durch welche bildlichen Interventionen entstehen andere mögliche Zukünfte?
Die Seminarteilnehmenden werden eigene Schwerpunkte und Themen entwickeln, um dann in kleinen Gruppen gewählte Beispiele—die wir als Möglichkeit betrachten, Phänomene an beispielhaften Orten und in beispielhaften Umgebungen sinnvoll zu erfassen—zu recherchieren und diese festzuhalten: interventionistisch, spekulativ, diskursiv und kollaborativ.
Voraussetzungen
Teilnahmevoraussetzung für dieses Seminar ist das erfolgreiche Abschließen des Moduls Wissenschaftliches Arbeiten für Architekturstudierende 1 (WAfA 1).
In der Vorlesungsreihe 'Geschichten und Theorien von Architektur und Stadt' (A2) werden die Grundlagen für die vertiefende Auseinandersetzung mit Raum in den A3-Seminaren gelegt. Es wird daher empfohlen, die Vorlesung A2 zu besuchen, bevor ein A3-Seminar belegt wird.
Literatur
Esposito, Elena. „Realität der Zukunft und künftige Realität“. In Die Gegenwart der Zukunft, herausgegeben von Susanne Witzgall und Kerstin Stakemeier, 29-35. Zürich / Berlin: diaphanes, 2016.
Haraway, Donna. „Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective“. Feminist Studies 14, Nr. 3 (1988): 575. https://doi.org/10.2307/3178066.
Lorde, Audre. Sister Outsider. New York: Penguin Books, 2019.
Marcuse, Peter. „Whose right(s) to what city?“ In Cities for People, Not for Profit: Critical Urban Theory and the Right to the City, herausgegeben von Neil Brenner, Peter Marcuse, und Margit Mayer, 24–41. London New York: Routledge, 2012.
Mélix, Sophie. „Renderings. Bildwelten zur Legitimation von spekulativen Stadtentwicklungsprojekten in Lagos und New York“. sub\urban 10, Nr. 1 (2022): 97-126.
Stengers, Isabelle. „The Insistence of Possibles: Towards a Speculative Pragmatism“. Parse 7 (2017). https://doi.org/10.70733/w8eviuefu210
Ursprung, Philip. „Vom Nutzen und Nachteil der Fotografie für die Architektur“. In Vom Nutzen der Architekturfotografie. Positionen zur Beziehung von Bild und Architektur, herausgegeben von Angelika Fritz und Gabriele Lenz, 12-21. Basel: Birkhäuser Verlag, 2015.
Termine
-
Einführung
-
-
-
Zwischenpräsentation
-
online
-
-
online
-
-
Abschlusspräsentation
-
Abgabe